Andrea Nahles und ich gemeinsam unterwegs im Wahlkreis

Würselen/Geilenkirchen. Ein wenig stolz ist Claudia Moll schon. Erstmals kandidiert die 47-jährige Sozialdemokratin aus Eschweiler für den Bundestag und gleich ist ihr etwas gelungen, was selbst für alteingesessene Parlamentarier keineswegs selbstverständlich ist. Eine der prominentesten Köpfe ihrer Partei ist in Molls Wahlkreis gekommen, um für die examinierte Altenpflegerin zu werben. „Ich habe Andrea Nahles vor Wochen angesprochen, ob sie mich im Wahlkampf unterstützen könnte“, erzählt Moll. „Als dann der Name Würselen fiel, hat sie sofort zugesagt.“

An diesem Morgen besucht die Arbeitsministerin also zum ersten Mal „die Heimatstadt des künftigen Kanzlers“, geht mit Parteifreunden die Kaiserstraße hoch zu einer Filiale der Bäckereikette Moss. Keine 200 Meter von der ehemaligen Buchhandlung des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz entfernt, beginnt ihr langer Wahlkampftag.

Nahles schüttelt Hände, spricht mit den Verkäuferinnen, fachsimpelt ein wenig über verschiedene Brotsorten. Wahlkampfroutine. Schließlich fällt ihr Blick auf Printen, die in der Verkaufstheke liegen. „Ich wähle“, steht auf den braunen Lebkuchen in weißem Zuckerguss geschrieben. „Eine tolle Idee“, strahlt Nahles und scherzt: „Fehlt als drittes Wort nur noch SPD!“ Ob die Printen aus Anlass des Ministerinnen-Besuchs extra gebacken wurden? „Nein, wir verkaufen sie schon seit einiger Zeit“, sagt Silvia Moss, die Chefin des Unternehmens. „Uns ist es einfach nur wichtig, dass sich möglichst viele Menschen an der Bundestagswahl beteiligen.“

 

Dem netten Small Talk folgen bald ernstere Themen. „Leiden Sie unter einem Fachkräftemangel, haben sie Probleme, genügend Auszubildende zu finden?“ will die Ministerin wissen. Moss und ihre Marketing-Leiterin Fee Damm nicken. „Ja, es gibt Schwierigkeiten mit der Nachwuchssuche, das Bäckereihandwerk kämpft mit Image-Problemen“, sagt Moss. Im vergangenen Jahr habe ihr rund 600 Köpfe starkes Unternehmen noch 45 junge Männer und Frauen ausgebildet. Inzwischen seien es nur noch 25. Viele Menschen hätten ein inzwischen völlig veraltetes Bild von ihrem Metier im Kopf, fänden andere Ausbildungen deutlich attraktiver.

 

 

Die Hobby-Bäckerin

Nahles scheint solche Klagen zu kennen. Jedenfalls verspricht sie, mit Hans Peter Wollseifer, dem Präsidenten des Deutschen Handwerks, über eine Imagekampagne speziell für den Bäcker-Beruf zu reden. Nahles schlägt vor, dabei auch gezielt auf Lehrer zuzugehen, damit sie Schüler auf Chancen im Bäckerei-Handwerk hinweisen. Und schließlich gibt die 47-jährige Sozialdemokratin Moss den Tipp, es doch auch einmal mit Flüchtlingen zu versuchen.

Den scheint das Unternehmen allerdings nicht zu brauchen. „Wir haben bereits einen Syrer und einen Afghanen eingestellt“, sagt Fee Damm. Die Erfahrungen mit den beiden neuen Kollegen seien überaus positiv. Damm spricht von einer „richtigen Erfolgsgeschichte“. Nahles hört das offenbar gerne und bricht gleich eine Lanze für das gesamte Handwerk. Von den rund 900 000 Flüchtlingen, die in den vergangenen beiden Jahren nach Deutschland kamen, hätten inzwischen 149 000 einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz gefunden. „Das Handwerk hilft bei der beruflichen Integration von Flüchtlingen deutlich besser als die Industrie“, bilanziert die Ministerin.

Gut eine halbe Stunde dauert das Gespräch. Nahles hört viel zu, stellt Fragen, erzählt auch persönliches. Zum Beispiel von ihrem Vater, der Maurer war. Oder dass sie eine passionierte Hobby-Bäckerin ist, die „nach stundenlangem Aktenstudium richtig froh ist, etwas mit meinen Händen zu tun und Teig zu kneten“. Nahles wirkt locker, authentisch, ministerielles Gehabe scheint ihr fremd zu sein. Entsprechend unverkrampft ist die Gesprächsatmosphäre. Firmen-Chefin Moss zeigt sich nach dem „anregenden und guten Austausch“ jedenfalls zufrieden: „Man spürt, dass die Ministerin eine Verbindung zum Handwerk hat.“ Und auch Claudia Moll ist glücklich: „Andrea Nahles kommt in der persönlichen Begegnung deutlich besser rüber als im Fernsehen. Sie ist eine tolle, richtig nette Frau.“

Zehn Stunden und vier Wahlkampfauftritte später sitzt Nahles auf einer knallroten Ledercouch. Sie steht im Sportpark Loherhof von Geilenkirchen. Aufgebaut hat das Möbelstück Norbert Spinrath. Regelmäßig empfängt der ehemalige Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei auf ihm sozialdemokratische Prominenz, um über Politik zu parlieren. Auch Nahles war schon mehrfach da.

Der heutige Auftritt seiner Parteifreundin ist für Spinrath besonders wichtig. Denn der 59-jährige, der seit vier Jahren den in weiten Teilen tiefschwarzen Kreis Heinsberg im Bundestag vertritt und es dort schnell zum europapolitischen Sprecher der SPD-Fraktion gebracht hat, muss um seinen Wiedereinzug in das Parlament bangen. Das Direktmandat gegen seinen CDU-Konkurrenten zu holen, scheint für den Partei-Linken kaum machbar zu sein. Spinrath muss wohl wie vor vier Jahren auf die NRW-Landesliste der SPD hoffen. Zieht auch dieses Mal sein Platz 23? Es sieht äußerst knapp aus. Deshalb zählt jede Stimme.
„Wir haben nicht nur gelabert“

Nahles lobt Spinrath in höchsten Tönen, nennt ihn „eine der wichtigsten Stimmen Europas im Bundestag“. Weil er „ein guter, fleißiger Mann“ sei, der zudem „richtig Ahnung“ habe, könne er bedenkenlos gewählt werden. Nahles Worte klingen ehrlich, frei Schnauze, nicht wie die Pflichtübung für einen Parteifreund.

Überhaupt scheint die Ministerin am Ende des Tages nicht nur in aufgeräumter Stimmung, sondern richtig im Wahlkampfmodus angekommen zu sein. Frontal greift sie den bisherigen Regierungspartner an. Fortschritte wie den Mindestlohn, die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren, die Mietpreisbremse und die Frauenquote habe ihre Partei „nur gegen den heftigen Widerstand der CDU/CSU“ umsetzen können. „Wir haben in den vergangenen vier Jahren nicht nur gelabert, sondern waren Motor der Koalition“, schmettert Nahles mit lauter Stimme. Weil aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Union ständig auf der Bremse gestanden hätten, seien wichtige Projekte wie das Rückkehrrecht in einen Vollzeitjob nach einer Phase der Teilzeitarbeit liegen geblieben. Gerade Frauen würden darunter leiden.
„Kein Feuer unterm Arsch“

Für Nahles ist es ein Heimspiel. Ihre rund hundert Zuhörer sind zumeist Sozialdemokraten. Immer wieder unterbrechen sie die Rede der Ministerin mit Beifall. Vor allem, als sie Zustände auf dem Arbeitsmarkt anklagt. „Die Tarifbindung ist nach unten gekracht“, schimpft Nahles. „Heute sind nur noch 50 Prozent der Arbeitnehmer von einem Tarifvertrag geschützt. Anfang der 80er Jahre waren es noch 91 Prozent.“ Deshalb müsse es wieder leichter werden, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären. Zudem: 45 Prozent aller Neueinstellungen seien befristet. Treffen würde das vor allem jüngere Arbeitnehmer. Deshalb gehöre die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen abgeschafft. „Es gibt doch eine Probezeit“, sagt Nahles mit leicht süffisantem Unterton. „Wenn ein Unternehmer nach einem halben Jahr immer noch nicht weiß, ob er einen Mitarbeiter gebrauchen kann, dann sollte er ein Nachhilfeseminar in Mitarbeiterführung belegen.“ Nein, ihr Ehrgeiz höre nicht beim Mindestlohn auf, statt einer weiteren „Kannibalisierung der Löhne“ brauche Deutschland einen „Pakt für gute Löhne“.

Mit der Union ist das nach Ansicht von Nahles aber nicht zu machen. Auch nicht mit der Kanzlerin. „Angela Merkel ist persönlich zwar eine ganz patente Frau“, sagt Nahles. „Aber sie hat kein Feuer unterm Arsch“, versuche ständig zu moderieren, statt eine Sache „von vorne durchzukämpfen“. Deshalb gehöre die 63-jährige Merkel am 24. September in den Ruhestand geschickt. „Warum habe ich denn die Rente mit 63 durchgebracht“, fragt Nahles spöttisch ins Publikum. Und das ist bester Laune.

Doch plötzlich steht da ein Stimmungskiller. Ein sozialdemokratischer Ortsvereinsvorsitzender geißelt die „neoliberale Politik“, der auch die SPD in der Vergangenheit aufgesessen sei. Dass heute 40 Prozent der Beschäftigten weniger verdienen als vor 20 Jahren, sei mit eine Folge der rot-grünen Arbeitsmarktreformen. Deshalb würden sich heute „viele Menschen von uns alleingelassen fühlen“.

Vielleicht zwei Minuten redet der Mann von der Basis. Die Ministerin rutscht auf der Couch zunehmend hin und her. Bis ihr der Kragen platzt und aus der netten Frau Nahles plötzlich eine Furie wird. „Was soll das jetzt? Du machst mich mit deiner apokalyptischen Rede ziemlich sauer“, faucht sie ihren Parteifreund an. „Ich habe die Agenda 2010 damals kritisiert. Aber Gerhard Schröder ist seit 12 Jahren in Rente. Die SPD macht inzwischen eine andere Politik. Ich heiße nicht Wolfgang Clement, sondern Andrea Nahles.“ Nein, dieses „Vergangenheitsgefasel“ müsse endlich aufhören, damit komme niemand weiter. Stattdessen gelte es sich mit den Herausforderungen der Zukunft zu beschäftigen. Ganz vorne stehe dabei die Digitalisierung der Arbeitswelt. Nahles warnt: „Wir werden gigantische Probleme haben, wenn wir die Menschen nicht mitnehmen und für die künftigen Aufgaben qualifizieren.“ Die Union verdränge das Problem bisher.
Ein paar Schrecksekunden

Sollte irgendjemand an der Durchsetzungskraft von Andrea Nahles gezweifelt haben, er ist spätestens jetzt eines besseren belehrt. Denn ihr Temperamentsausbruch wird nach ein paar Schrecksekunden vom immer stärkerem Applaus und Johlen der Zuhörer begleitet. Am Ende hat sie das Publikum nahezu geschlossen hinter sich. Der Kritiker aber schweigt.

Ein wenig später lacht die Ministerin wieder, posiert für Fotos, hält bürgernah den ein oder anderen Plausch. „War eine tolle Veranstaltung, ist richtig gut gelaufen“, sagt sie beim Abgang zu Norbert Spinrath. Kurz nach halb zehn steigt sie in ihr Auto und lässt sich in die Eifel fahren, zurück in die Heimat. Morgen wartet der nächste Wahlkampftag.

(Wir zitieren die Eschweiler Nachrichten vom 12.09.2017, Bericht von Joachim Zinsen)